Kann man Flüssigkeit atmen?

In Erinnerung daran, dass die Lunge des Menschen, solange er im Mutterleib wächst, mit Flüssigkeit gefüllt ist, haben schon seit einigen Jahren amerikanische Wissenschaftler angenommen, dass der Gasaustausch auch über Flüssigkeiten möglich sein müsste, die - angereichert mit Sauerstoff - in die Lunge gefüllt werden. Zunächst lächelte die Fachwelt. Das änderte sich aber, als eine Maus gezeigt wurde, die in einem flüssigkeitsgefüllten Gefäß nicht etwa ertrank, sondern ohne Anzeichen von Atemnot minutenlang unter der Wasseroberfläche schwamm. Nun wird die Flüssigkeitsbeatmung zu einer neuen medizinischen Option in bisher aussichtslosen Fällen. Ein Mensch schwebt in höchster Lebensgefahr, wenn die Ursache akutes und lebensbedrohendes Versagen der Lunge ist. Zwei Wochen später geht es dem Patienten, dem 47 Jahre alten Muhrad Bukitch, bereits wieder besser. Das Geheimnis seiner Lebensrettung ist die Flüssigkeitsbeatmung. Nachdem die herkömmliche künstliche Beatmung zuvor erfolglos geblieben war, wurden ihm fünf Tage lang zwei Liter Flüssigkeit in die funktionsuntüchtigen Lungen gefüllt. Diese ungewöhnliche Methode ist in Deutschland eine Neuheit. Muhrad Bukitch rettete sie das Leben. Die zur Flüssigatmung verwendeten Substanzen sind Perfluorkarbone, relativ einfache chemische Verbindungen, die die Eigenschaft haben, eine sehr niedrige Oberflächenspannung zu haben. Das heißt, sie verbreiten sich sehr gut in der Lunge und sind etwa doppelt so schwer wie Wasser. Das hohe spezifische Gewicht der flüssigen Substanz ist das Geheimnis der Beatmungsmethode. Darüber hinaus können die Perflourkarbone, eine Kohlanwasserstoffverbindung, in hohem Maße die Atemgase Sauerstoff und Kohlendioxid aufnehmen.

Perflourkarbone senken sich allein durch ihr Gewicht ohne großen Druck in die Lunge, verteilen sich dort sehr schnell in die geschädigten Lungenbläschen und aktivieren sie zu neuem Leben. Wenn der Gasaustausch in der Lunge gestört ist, werden normalerweise herkömmliche künstliche Beatmungstechniken eingesetzt. Bei totalem Lungenversagen hat das jedoch Grenzen. Die Drücke, die dann aufgebracht werden müssten, sind so groß, dass die Lunge zu platzen droht. In diesem Fall kann bei spezifischen Krankheitsbildern die flüssige Beatmung eingesetzt werden. Es ist darüber hinaus auch eine schonende Methode. Flüssigkeit in der Lunge ist ein ungewöhnlicher Anblick. Normalerweise ein Krankheitsbild, ist es hier eine Heilmethode.

Bei Patienten mit einem Lungenversagen wird ein großer Teil der Lunge überhaupt nicht mehr belüftet. Füllt man eine sehr schwere Substanz wie Perfluorkarbon ein, gelingt es, die geschlossenen, nicht luftgefüllten Areale wieder für die Beatmung zu gewinnen, also zu eröffnen. Bereits eine Minute ist die amerikanische Labormaus in die Flüssigkeit eingetaucht. Sie hat sich an das Atmen unter Wasser beziehungsweise das Perfluorkarbonat ganz offensichtlich schnell gewöhnt.

In der Abteilung Neo-Nathologie in der Berliner Charité forscht seit langem eine Gruppe von Ärzten. Ihr Ziel ist der Einsatz der Flüssigkeitsbeatmung bei Neu- und Frühgeborenen. Denn für die winzigen Lungen neugeborener Kinder stellt die künstliche Beatmung mit hohen Luftdrücken oft eine starke Belastung für die Lunge und ein Risiko dar. In speziellen Einzelfällen könnte die Flüssigkeitsbeatmung hier eine schonende Lösung bieten, weil damit der Beatmungsdruck immens herabgesetzt werden könnte.

Das wiederum macht es möglich oder zumindest wahrscheinlich, dass auch für sehr kleine, unreife Kinder ein Einsatz unter dem Aspekt möglich ist, dass man Spätschäden dieser Beatmung - man spricht von der sogenannten assoziierten Lungenerkrankung durch Beatmung, der bronchiopulmonalen Dysplasie - reduzieren oder gar vermeiden könnte. Der erstmalige Einsatz von Flüssigkeitsbeatmung im Uniklinikum Charité hat Muhrad Bukitch das Leben gerettet. Ihm geht es heute wieder gut. Und auch die Maus hat ihren mehr als zweiminütigen Aufenthalt im Perfluorkarbonat gut überstanden. Nach leichten Irritationen ist sie nach kurzer Zeit wieder ganz die Alte.

Quelle: Dies ist ein Artikel von 3sat